Lokasenna - Das Lied von Lokis Schmähungen
Die Lokasenna (altnordisch: „Lokis Schmährede" oder „Lokis Zanken") ist eines der dramatischsten Lieder der Lieder-Edda. Es zeigt Loki bei einem Gelage der Götter, wo er jeden einzelnen Anwesenden mit bitteren Wahrheiten und Beleidigungen konfrontiert. Das Lied endet mit seiner Gefangennahme durch Thor.
Rahmenhandlung
Das Gelage bei Ägir
Die Götter versammeln sich zum Fest beim Meerriesen Ägir, dessen Kessel von selbst Met ausschenkt. Alle loben Ägirs Diener Fimafeng für seine Geschicklichkeit. Loki, von Neid erfüllt, erschlägt den Diener und wird aus der Halle geworfen.
Lokis Rückkehr
Loki kehrt zurück und fordert einen Platz am Tisch. Er erinnert Odin an ihren Blutsbruderschaftseid:
„Gedenke, Odin, dass wir in Urzeiten
unser Blut zusammen mischten;
Bier wolltest du niemals beim Gelage trinken,
würde es nicht uns beiden gebracht."
Odin lässt ihm widerwillig einen Platz einräumen - und damit beginnt Lokis Tirade.
Die Anklagen
Gegen die Götter
Loki beschuldigt die männlichen Götter verschiedener Vergehen:
- Bragi - Feigheit im Kampf
- Odin - Praktizieren von Seiðr (als unmännlich geltende Magie), ungerechte Schlachtenentscheidungen
- Njörd - Wurde von den Töchtern Hymirs als Nachttopf benutzt
- Freyr - Gab sein Schwert für eine Frau weg (was ihm bei Ragnarök fehlen wird)
- Tyr - Verlor seine Hand an Fenrir (Lokis Sohn)
- Heimdall - Muss ein elendes Leben als Wächter führen
Gegen die Göttinnen
Die Göttinnen werden meist sexueller Untreue bezichtigt:
- Idunn - Habe ihren Bruders Mörder umarmt
- Gefjun - Habe sich für ein Halsband verkauft
- Frigg - Habe mit Odins Brüdern geschlafen
- Freya - Habe mit allen Göttern und Elfen geschlafen, auch mit ihrem eigenen Bruder
- Skadi - Wird an die Bestrafung ihres Vaters erinnert
- Sif - Habe Loki selbst zum Liebhaber gehabt
Thors Eingreifen
Das Lied endet mit Thors Erscheinen. Dreimal droht er, Loki mit Mjölnir den Kopf abzuschlagen. Loki versucht noch, auch Thor zu beleidigen (er erwähnt Thors Angst in einem Riesenhandschuh), doch schließlich weicht er:
„Vor dir allein will ich weichen,
denn ich weiß, dass du zuschlägst."
Loki flieht, wird aber später gefangen und bis Ragnarök gefesselt.
Bedeutung des Liedes
Mythologische Informationen
Die Lokasenna ist eine wichtige Quelle für mythologische Details, die sonst nirgends erwähnt werden. Viele der Anschuldigungen beziehen sich auf Geschichten, die uns nicht vollständig überliefert sind.
Gesellschaftskritik
Das Lied kann als Kritik an der Göttergesellschaft verstanden werden. Loki enthüllt Heuchelei und Schwächen - er sagt Wahrheiten, die niemand hören will. Die Frage, ob seine Anschuldigungen stimmen, bleibt offen.
Die Rolle des Tricksters
Loki erfüllt hier seine klassische Rolle als Trickster: Er bricht Tabus, stellt Hierarchien in Frage und zerstört die friedliche Ordnung. Die Lokasenna zeigt den Moment, in dem der Trickster zu weit geht.
Konsequenzen
Nach der Lokasenna und dem Tod Baldurs fangen die Götter Loki ein. Er wird mit den Eingeweiden seines eigenen Sohnes gefesselt, und Skadi befestigt eine Giftschlange über seinem Gesicht. Dort liegt er bis Ragnarök.
Literarische Einordnung
Die Lokasenna gehört zur Gattung der „Senna" - der Streitgespräche, in denen Kontrahenten sich gegenseitig mit Schmähungen überziehen. Ähnliche Streitgespräche finden sich in anderen altnordischen Texten und in der mittelalterlichen Literatur allgemein.
Das Lied ist im Codex Regius überliefert und wird meist ins 10. oder 11. Jahrhundert datiert.