Sigurdharkvida - Die Lieder von Sigurd
Die Sigurðarkviða (Sigurdharkvida, „Lied von Sigurd") bezeichnet mehrere Heldenlieder der Lieder-Edda, die vom Drachentöter Sigurd (Siegfried) handeln. Diese Lieder bilden den Kern der altnordischen Heldensage und sind Grundlage des deutschen Nibelungenlieds.
Die Sigurd-Lieder
Im Codex Regius finden sich mehrere Lieder über Sigurd:
- Reginsmál - Die Rede Regins (Sigurds Pflegevater)
- Fáfnismál - Die Rede Fafnirs (des Drachens)
- Sigrdrífumál - Die Rede der Sigrdrifa (Brynhild)
- Brot af Sigurðarkviðu - Bruchstück eines Sigurd-Liedes
- Sigurðarkviða in skamma - Das kurze Sigurd-Lied
Ein Teil der Handschrift ist verloren gegangen (die sogenannte „große Lücke"), wodurch wichtige Abschnitte der Geschichte fehlen.
Die Geschichte Sigurds
Herkunft und Jugend
Sigurd (altnordisch: Sigurðr) ist der Sohn des Königs Sigmund aus dem Geschlecht der Völsungen. Nach dem Tod seines Vaters wächst er bei dem Schmied Regin auf, der heimtückische Pläne hegt.
Das Schwert Gram
Regin schmiedet für Sigurd das Schwert Gram aus den Scherben von Sigmunds zerbrochener Waffe. Es ist so scharf, dass es einen auf dem Wasser treibenden Wollflocken durchschneidet.
Die Tötung Fafnirs
Regins Bruder Fafnir hat sich in einen Drachen verwandelt und bewacht einen gewaltigen Goldschatz. Sigurd tötet den Drachen aus einem Graben heraus, in dem er sich verbirgt:
„Da stieß Sigurd dem Fafnir das Schwert
unters linke Vorderbein bis ans Heft.
Da wand sich Fafnir und schlug
mit Haupt und Schweif auf die Heide."
Die Stimme der Vögel
Als Sigurd das Drachenherz brät und versehentlich das Blut kostet, versteht er plötzlich die Sprache der Vögel. Sie warnen ihn, dass Regin ihn töten will, und raten ihm, auch Regin zu erschlagen. Sigurd folgt dem Rat, nimmt den Schatz und reitet davon.
Die Erweckung Brynhilds
Sigurd findet eine Burg, umgeben von einer Feuerwand. Darin liegt eine schlafende Frau in Rüstung - Brynhild (oder Sigrdrifa), eine Walküre, die von Odin in einen Zauberschlaf versetzt wurde.
Sigurd weckt sie, und sie lehrt ihn Runenweisheit und gibt ihm Rat für das Leben. Die beiden verlieben sich und schwören einander Treue.
Die Tragödie
Am Hof der Gjukungen
Sigurd kommt an den Hof König Gjukis und seiner Söhne Gunnar und Högni. Deren Mutter Grimhild gibt Sigurd einen Vergessenstrank - er vergisst Brynhild und heiratet Gudrun, Gjukis Tochter.
Die Werbung um Brynhild
Gunnar will Brynhild heiraten, kann aber die Feuerwand nicht durchreiten. Sigurd tauscht mit Gunnar die Gestalt und reitet als Gunnar durch die Flammen. So wird Brynhild mit Gunnar verheiratet - ohne zu wissen, dass Sigurd es war, der kam.
Die Enthüllung
Als Brynhild die Wahrheit erfährt - dass sie betrogen wurde und Sigurd für sie bestimmt war - ist ihr Zorn grenzenlos. Sie fordert von Gunnar Sigurds Tod.
Sigurds Tod
Die Brüder können Sigurd nicht selbst töten (sie haben ihm Treue geschworen), aber ihr jüngerer Bruder Guttorm ist nicht an den Eid gebunden. Er ermordet Sigurd im Schlaf.
„Da erwachte Sigurd von tödlicher Wunde,
und Guttorm schlug er das Schwert
durch den Leib, als er zur Tür hinaussprang.
Dann starb der Held."
Brynhilds Ende
Brynhild kann ohne Sigurd nicht leben. Sie ersticht sich selbst und bittet, auf dem Scheiterhaufen neben ihm verbrannt zu werden.
Themen
Schicksal und Fluch
Der Drachenschatz trägt einen Fluch - alle, die ihn besitzen, werden Unglück erleiden. Sigurds Reichtum bringt ihm den Tod.
Ehre und Treue
Die Konflikte entstehen aus widersprüchlichen Loyalitäten: Brynhilds Liebe zu Sigurd gegen ihre Ehe mit Gunnar, Gunnars Brudereid gegen die Forderung seiner Frau.
Betrug und Rache
Der Betrug an Brynhild - durch Sigurds Gestaltwandlung und den Vergessenstrank - führt zur Tragödie. Brynhilds Rache zerstört alle Beteiligten.
Verbindung zum Nibelungenlied
Die nordische Sigurd-Sage und das mittelhochdeutsche Nibelungenlied erzählen dieselbe Geschichte in unterschiedlichen Fassungen:
- Sigurd = Siegfried
- Brynhild = Brünhild
- Gunnar = Gunther
- Gudrun = Kriemhild
Die nordische Version ist älter und gilt als näher am ursprünglichen Sagenstoff.