Die Völuspá - Weissagung der Seherin

Völuspá - Die Weissagung der Seherin

Die Völuspá (altnordisch für "Weissagung der Seherin") gilt als das bedeutendste Lied der Lieder-Edda. In 66 Strophen erzählt eine Völva - eine nordische Seherin - dem Gott Odin von der Erschaffung der Welt, dem goldenen Zeitalter der Götter, dem Untergang bei Ragnarök und der Erneuerung danach.

Das Gedicht ist in zwei mittelalterlichen Handschriften überliefert: dem Codex Regius (um 1270) und dem Hauksbók (um 1334). Die Entstehung des Textes wird auf das 10. Jahrhundert datiert, möglicherweise kurz vor oder während der Christianisierung Islands.

Einführung in die Völuspá

Das Lied beginnt mit einem Aufruf der Seherin an alle Geschöpfe, ihr zuzuhören. Die Völva richtet sich direkt an Odin, den sie "Vater der Erschlagenen" nennt - eine Anspielung auf seine Rolle als Herr von Walhalla:

Gehör erbitt ich aller heiligen Sippen,
der hohen und niederen von Heimdalls Geschlecht.
Willst du, Walvater, dass ich berichte
von altem Wissen, dem ältesten, das ich kenne?

Völuspá, Strophe 1

Die Seherin erinnert sich an "Riesen, früh geboren", die sie einst aufzogen. Dies deutet auf ein Wissen hin, das älter ist als die Götter selbst.

Die Welterschaffung

Die Völuspá schildert den Urzustand, als weder Erde noch Himmel existierten - nur die gähnende Leere Ginnungagap:

Einst war das Alter, da Ymir lebte,
da war nicht Sand, nicht See, nicht salzige Wellen,
nicht Erde unten, noch oben Himmel,
Gähnung nur und nirgends Gras.

Völuspá, Strophe 3

Aus dem Urriesen Ymir formten die Götter - die Söhne Burs - die Welt. Die Erde entstand aus seinem Fleisch, die Berge aus seinen Knochen, der Himmel aus seinem Schädel. Die Götter gaben der Welt Ordnung: Sie schufen Tag und Nacht, benannten Morgen und Mittag, zählten die Jahre.

Die Erschaffung der Menschen

Eine zentrale Passage beschreibt, wie die Götter die ersten Menschen schufen. Am Strand fanden sie zwei Baumstämme - Ask (Esche) und Embla (Ulme) - und hauchten ihnen Leben ein:

Atem gab ihnen Odin, Bewusstsein Hoenir,
Lodur gab Lebensblut und gutes Aussehen.

Völuspá, Strophe 18

Das goldene Zeitalter

Die Seherin erinnert sich an eine Zeit des Friedens, als die Götter sich auf dem Idavöllr versammelten, Heiligtümer errichteten und Schmiedekunst betrieben. Gold war im Überfluss vorhanden, Spiele wurden gespielt, und niemand kannte Not.

Dieses goldene Zeitalter endete, als drei Riesentöchter aus Jötunheim kamen - eine Andeutung des eindringenden Bösen oder der Gier, die den Frieden zerstörte.

Der erste Krieg und der Bruch des Friedens

Die Völuspá berichtet vom ersten Krieg der Welt - dem Konflikt zwischen den Asen und den Wanen. Dieser Krieg begann, als Gullveig, eine Wanin, dreimal von den Asen getötet und verbrannt wurde, doch jedes Mal wiedergeboren:

Dreimal verbrannten sie die dreimal Geborene,
oft, nicht selten, doch sie lebt noch immer.

Völuspá, Strophe 21

Der Krieg endete mit einem Friedensschluss und dem Austausch von Geiseln. Doch andere Versprechen wurden gebrochen - die Mauer um Asgard blieb unvollendet, als die Götter den Riesenbaumeister betrogen.

Die Prophezeiung von Ragnarök

Den größten Teil der Völuspá nimmt die Vision des Weltendes ein. Die Seherin sieht die Zeichen des kommenden Untergangs: Baldurs Tod, Lokis Bestrafung, das Brechen aller Eide und Bande.

Die Vorzeichen

Die Zeit vor Ragnarök wird von moralischem Verfall geprägt sein:

Brüder werden kämpfen und sich gegenseitig töten,
Schwestersöhne brechen die Sippenbande.
Hart ist die Welt, Hurerei herrscht,
Axtzeit, Schwertzeit, Schilde bersten,
Windzeit, Wolfzeit, ehe die Welt versinkt.

Völuspá, Strophe 45

Der Weltuntergang

Die Seherin beschreibt den finalen Kampf: Die Feinde der Götter brechen los. Fenrir, der Wolf, reißt seine Fesseln. Die Midgardschlange erhebt sich aus dem Meer. Loki steuert das Totenschiff Naglfar. Surt kommt mit seinem Flammenschwert aus dem Süden.

Die Götter fallen: Odin wird von Fenrir verschlungen, Thor erschlägt die Midgardschlange, stirbt aber an ihrem Gift. Die Sonne wird schwarz, die Erde versinkt im Meer.

Die Erneuerung

Doch die Völuspá endet nicht im Dunkel. Nach dem Untergang sieht die Seherin eine neue, bessere Welt entstehen:

Sie sieht aufsteigen zum anderen Male
Erde aus dem Meere, ewig grün;
Wasserfälle fallen, der Adler fliegt darüber,
der auf dem Felsen nach Fischen jagt.

Völuspá, Strophe 59

Auf dem Idavöllr finden sich die überlebenden Götter wieder. Baldur und Hödr kehren aus Hel zurück. Die Menschen Lif und Lifthrasir haben den Untergang überlebt und werden eine neue Menschheit begründen. Die goldenen Spielsteine der Götter werden im Gras wiedergefunden - Symbol der Rückkehr des goldenen Zeitalters.

Bedeutung und Einfluss

Die Völuspá ist mehr als ein mythologischer Text. Sie ist ein poetisches Meisterwerk, das fundamentale Fragen nach Ursprung, Ordnung und Ende der Welt behandelt. Die zyklische Struktur - von der Schöpfung über den Verfall zum Untergang und zur Erneuerung - spiegelt vielleicht alte indoeuropäische Weltzyklusvorstellungen wider.

Das Gedicht beeinflusste spätere Literatur und Kunst maßgeblich. Richard Wagners "Ring des Nibelungen" schöpft aus der Völuspá ebenso wie J.R.R. Tolkiens Werke. Die Bilder der Völuspá - der brennende Weltenbaum, die untergehende Sonne, die aus dem Meer steigende neue Erde - gehören zum kulturellen Erbe des Westens.

Text der Völuspá

Der vollständige altnordische Text der Völuspá umfasst 66 Strophen. Die älteste Handschrift, der Codex Regius, ist online in der Handschriftenabteilung der Árni Magnússon-Sammlung zugänglich. Deutsche Übersetzungen finden sich in verschiedenen Edda-Ausgaben, darunter die klassischen Übertragungen von Felix Genzmer und Karl Simrock.