Frigg - Die Himmelskönigin
Frigg (altnordisch: Frigg, althochdeutsch: Frija) ist die höchste Göttin der Asen und Gemahlin Odins. Als Himmelskönigin herrscht sie neben dem Allvater über Asgard. Sie ist die Göttin der Ehe, der Mutterschaft, des Haushalts und der Weisheit. Als Mutter Baldurs spielte sie eine zentrale Rolle in einem der tragischsten Mythen der nordischen Überlieferung.
Frigg kennt das Schicksal aller Wesen, spricht aber nie darüber. Diese Eigenschaft - alles zu wissen, aber zu schweigen - macht sie zur geheimnisvollsten der Göttinnen. Der Freitag (althochdeutsch: Frîatag, englisch: Friday) trägt ihren Namen.
Friggs Wesen
Die Snorra Edda beschreibt Frigg als die erste unter den Göttinnen:
"Die erste ist Frigg. Sie besitzt jenen Hof, der Fensalir heißt, und er ist überaus prächtig."
Fensalir bedeutet "Sumpfhallen" oder "Meereshallen" - ein Hinweis auf alte Verbindungen zu Wasser und Fruchtbarkeit. In ihrer Halle spinnt Frigg die Wolken und webt das Schicksal.
Die Seherin, die schweigt
Frigg teilt mit Odin die Gabe der Prophezeiung. Sie sitzt neben ihm auf dem Hochsitz Hlidskjalf, von dem aus alle Welten sichtbar sind. Doch während Odin rastlos nach Wissen sucht und es verbreitet, hütet Frigg ihre Einsichten. Diese Verschwiegenheit wird manchmal als Weisheit gedeutet, manchmal als tragische Machtlosigkeit.
Frigg und Baldur
Die bekannteste Geschichte über Frigg ist ihr verzweifelter Versuch, ihren Sohn Baldur vor dem Tod zu schützen.
Der Eid aller Dinge
Als Baldur von Todesträumen geplagt wurde, reiste Frigg durch alle Welten. Sie nahm jedem Wesen und jedem Ding einen Eid ab, Baldur nicht zu schaden: Feuer und Wasser, Metallen und Steinen, Erde und Bäumen, Krankheiten und Giften, allen Tieren.
Nur die kleine Mistel ließ sie aus - sie erschien ihr zu jung und unbedeutend.
Der verhängnisvolle Fehler
Loki erfuhr in Gestalt einer alten Frau von diesem Versäumnis. Er fertigte einen Mistelpfeil und lenkte den Wurf des blinden Hödr auf Baldur. Der Lichtgott fiel tot zu Boden.
Friggs Trauer war grenzenlos. Sie sandte Hermodr nach Hel, um Baldur zurückzufordern. Als die Totengöttin eine Bedingung stellte - alle Wesen müssten um Baldur weinen -, sorgte Frigg dafür, dass die Boten in alle Welten gingen. Doch eine Riesin (vermutlich Loki in Verkleidung) weigerte sich, und Baldur blieb in Hel.
Frigg und Freya
Die Beziehung zwischen Frigg und Freya ist komplex. Beide sind Göttinnen der Liebe und Fruchtbarkeit, beide sind mit Seidr (Zauberkunst) verbunden, beide empfangen einen Teil der Gefallenen.
Manche Forscher vermuten, dass Frigg und Freya ursprünglich dieselbe Göttin waren, die sich im Laufe der Zeit aufspaltete: Frigg als die häusliche, eheliche Aspekte, Freya als die leidenschaftliche, unabhängige Seite. In den erhaltenen Quellen sind sie jedoch klar unterschieden.
Friggs Dienerinnen
Frigg wird von mehreren Göttinnen begleitet, die verschiedene Aspekte ihres Wirkens verkörpern:
- Fulla - Ihre Vertraute, die ihre Schatulle trägt und ihre Schuhe verwahrt
- Gná - Ihre Botin, die auf dem Pferd Hófvarpnir durch Luft und Wasser reitet
- Hlín - Beschützerin der von Frigg Begünstigten
- Eir - Die beste Heilerin
- Sjöfn - Lenkt die Gedanken von Menschen auf Liebe
- Lofn - Vermittelt bei schwierigen Verbindungen
- Vár - Hütet Eide und Verträge zwischen Mann und Frau
- Vör - Nichts kann vor ihr verborgen werden
- Syn - Bewacht Türen und wehrt Unerwünschtes ab
- Snotra - Verkörpert Weisheit und Sitte
Einige dieser Göttinnen könnten ursprünglich Beinamen Friggs gewesen sein, die sich verselbstständigten.
Das Spinnen
Frigg ist eng mit dem Spinnen verbunden - einer der wichtigsten weiblichen Tätigkeiten der alten Gesellschaft. Sie spinnt an einem Spinnrad aus Edelsteinen, und das Sternbild, das wir den Oriongürtel nennen, hieß im Norden "Friggs Rocken".
Das Spinnen verbindet Frigg mit den Nornen, die das Schicksal spinnen und weben. Auch hier zeigt sich die Überschneidung weiblicher Mächte in der nordischen Mythologie.
Verehrung
Der Freitag
Der Freitag ist nach Frigg (oder Freya - die Zuordnung ist umstritten) benannt. Die germanische Bezeichnung entspricht dem lateinischen "dies Veneris" (Tag der Venus), was auf eine Gleichsetzung Friggs mit der römischen Liebesgöttin hindeutet.
Häuslicher Kult
Frigg wurde besonders von Frauen verehrt - bei Eheschließungen, Geburten und im häuslichen Bereich. Ihr Kult war wahrscheinlich weniger öffentlich als der Odins oder Thors, aber tief im Alltag verwurzelt.
Frigg nach der Christianisierung
Anders als Odin und Thor, die als Dämonen verteufelt wurden, überlebte Frigg teilweise im Volksglauben. Elemente ihres Wesens finden sich in Figuren wie Frau Holle - der mütterlichen Macht, die das Wetter lenkt und Fleiß belohnt.
Ihre Rolle als Schutzpatronin von Ehe und Haushalt konnte leichter mit christlichen Vorstellungen verschmolzen werden als die kriegerischen Aspekte anderer Götter.