Hel die Herrscherin der Unterwelt

Hel - Göttin des Totenreichs

Hel (altnordisch: "die Verbergende") ist die Herrscherin über das gleichnamige Totenreich in der nordischen Mythologie. Als Tochter Lokis und der Riesin Angrboda ist sie die Schwester des Wolfs Fenrir und der Midgardschlange Jörmungandr. Odin selbst wies ihr die Herrschaft über jene zu, die an Krankheit oder Alter sterben - alle, die nicht den Heldentod auf dem Schlachtfeld finden.

Anders als in späteren christlich beeinflussten Vorstellungen war Hels Reich kein Ort der Strafe. Es war das Ziel der meisten Verstorbenen - ein dunkler, kalter, aber nicht notwendigerweise qualvoller Ort. Hel selbst erscheint in den Quellen als mächtige, aber düstere Gestalt.

Hels Erscheinung

Die Snorra Edda beschreibt Hel als halb schwarz (oder blau) und halb fleischfarben - zur einen Hälfte lebendig, zur anderen tot. Ihr Gesicht soll grimmig und furchteinflößend sein. Diese gespaltene Erscheinung symbolisiert ihre Stellung zwischen den Welten, als Herrscherin über die Grenze zwischen Leben und Tod.

Manche Forscher sehen in dieser Beschreibung eine späte, christlich beeinflusste Ausschmückung. In älteren Quellen erscheint Hel weniger als Person denn als Ort - das Wort "hel" bezeichnete ursprünglich einfach das Totenreich.

Hels Verbannug

Als die Götter von den drei Kindern Lokis erfuhren, holten sie sie nach Asgard. Prophezeiungen warnten vor großem Unheil durch diese Brut. Odin handelte:

  • Jörmungandr warf er ins Meer, wo die Schlange wuchs, bis sie Midgard umschlang.
  • Fenrir behielten die Götter in Asgard, bis sie ihn fesselten.
  • Hel schickte Odin nach Niflheim und gab ihr die Herrschaft über neun Welten der Toten.

Die "neun Welten" Hels sind nicht mit den neun Welten des Kosmos identisch - es handelt sich um die verschiedenen Bereiche ihres Reiches, die sich tief unter Yggdrasils Wurzeln erstrecken.

Das Reich Hel

Der Weg nach Hel

Der Weg ins Totenreich führt neun Tage lang nach Norden und abwärts, durch dunkle Täler. Die Toten überqueren den Fluss Gjöll auf der Brücke Gjallarbrú, die mit glänzendem Gold gedeckt ist. Die Riesin Módguðr bewacht die Brücke und befragt jeden, der sie überqueren will.

Jenseits der Brücke liegt das Tor Helgrindr ("Helgitter"), bewacht vom Hund Garmr. Wer dieses Tor passiert, kehrt nicht zurück - es sei denn, Hel selbst gewährt die Freilassung.

Hels Halle

Hels Halle heißt Éljúðnir ("Elend" oder "Regenfeuchte"). Die Snorra Edda beschreibt sie mit düsteren Details:

  • Hunger (Hungr) ist ihre Schüssel
  • Verschmachtung (Sultr) ihr Messer
  • Träge (Ganglati) ihr Knecht
  • Träge (Ganglöt) ihre Magd
  • Stolperstein (Fallandaforad) ihre Schwelle
  • Krankenbett (Kör) ihr Lager
  • Bleiches Unheil (Blikjandaböl) ihr Bettvorhang

Diese Namen zeichnen ein Bild von Trostlosigkeit und Schwäche - nicht von aktiver Qual, aber von Kälte und Düsternis.

Hel und Baldur

Die berühmteste Geschichte, in der Hel eine zentrale Rolle spielt, ist der Tod des Lichtgottes Baldur.

Baldurs Ankunft

Als Baldur durch Lokis List getötet wurde, ritt sein Bruder Hermodr neun Nächte durch dunkle Täler nach Hel, um den Geliebten der Götter zurückzufordern. Er fand Baldur auf dem Ehrenplatz in Hels Halle sitzend.

Hels Bedingung

Hermodr flehte Hel an, Baldur freizugeben, da alle Welt um ihn trauere. Hel stellte eine Bedingung:

"Wenn alle Dinge in der Welt, lebend und tot, um Baldur weinen, dann soll er zu den Asen zurückkehren. Aber wenn irgendetwas sich weigert zu weinen, dann bleibt er bei mir."

Die Götter sandten Boten in alle Welten, und alle weinten - Menschen, Tiere, Steine, Bäume und Metall. Doch eine alte Riesin namens Thökk weigerte sich: "Thökk wird trockene Tränen weinen über Baldurs Tod. Lebend oder tot nutzte mir der Alte nichts. Hel behalte, was sie hat."

Diese Thökk war vermutlich Loki in Verkleidung. Baldur blieb in Hel - bis Ragnarök.

Hel bei Ragnarök

Bei Ragnarök öffnen sich alle Reiche. Die Toten aus Hels Reich werden sich erheben. Das Totenschiff Naglfar, gebaut aus den Fingernägeln der Verstorbenen, wird aus Hels Hafen auslaufen, gesteuert von Loki.

Nach dem Ende der alten Welt, wenn die Erde neu entsteht, werden Baldur und sein Bruder Hödr aus Hel zurückkehren, versöhnt und wiedervereint mit den überlebenden Göttern.

Der Hund Garmr

Garmr ist der Höllenhund, der vor dem Eingang zu Hels Reich wacht - in der Gnipahöhle (Felshöhle). Er wird manchmal mit Fenrir gleichgesetzt, ist aber in den meisten Quellen ein eigenständiges Wesen.

Bei Ragnarök wird Garmr heulen und sich befreien. Er wird gegen den Kriegsgott Tyr kämpfen, und beide werden einander erschlagen.

Hel im Glauben

Das Totenreich Hel war für die meisten Menschen das erwartete Ziel nach dem Tod. Nur Krieger, die im Kampf fielen, konnten nach Walhalla zu Odin oder nach Fólkvangr zu Freya gelangen. Für alle anderen - die an Alter, Krankheit oder Unfall starben - war Hel bestimmt.

Dies war keine Strafe. Die nordischen Quellen kennen keine Vorstellung von Sünde und Vergeltung im christlichen Sinne. Hel war einfach der Ort der Toten, kalt und düster, aber nicht geprägt von ewiger Qual.

Redewendungen

Spuren der Hel-Vorstellung finden sich in der Sprache: "zur Hölle fahren" stammt von "til Heljar fara". Der englische Begriff "hell" geht auf dieselbe Wurzel zurück, wurde aber unter christlichem Einfluss zur Bezeichnung für einen Ort der Verdammnis.