Die Nornen - Weberinnen des Schicksals
Die Nornen (altnordisch: Nornir) sind die Schicksalsfrauen der nordischen Mythologie. Am Fuße des Weltenbaums Yggdrasil, beim Urdbrunnen, bestimmen sie das Los aller Wesen - von den niedrigsten bis zu den Göttern selbst. Nicht einmal Odin kann sich ihrem Spruch entziehen. Die drei Hauptnornen heißen Urd, Verdandi und Skuld.
Das Konzept der Nornen verbindet die nordische mit anderen indoeuropäischen Mythologien: Die griechischen Moiren, die römischen Parzen und die slawischen Suditzen erfüllen ähnliche Funktionen. Das Schicksal als gewebtes Band, das selbst die Mächtigsten bindet, ist ein universelles Motiv.
Die drei Hauptnornen
Urd - Das Gewordene
Urd (Urðr) ist die älteste der Nornen. Ihr Name bedeutet "Schicksal" oder "das Gewordene" - er ist verwandt mit dem althochdeutschen Wort "wurt" und dem englischen "wyrd". Sie verkörpert die Vergangenheit, das bereits Geschehene, das die Grundlage für alles Folgende bildet.
Der Brunnen, an dem die Nornen wohnen, trägt ihren Namen: Urdarbrunn (Urðarbrunnr). Das Wasser dieses Brunnens ist so heilig, dass alles, was damit berührt wird, weiß wird wie die Haut im Inneren einer Eierschale.
Verdandi - Das Werdende
Verdandi (Verðandi) bedeutet "die Werdende" oder "das Seiende". Sie steht für die Gegenwart, den Moment des Geschehens, in dem Vergangenheit zu Zukunft wird. Während Urd das Gewebe der Zeit hält und Skuld es weiterspinnt, webt Verdandi den gegenwärtigen Faden.
Skuld - Die Schuld
Skuld bedeutet "Schuld" im Sinne von "das, was sein soll" oder "das Geschuldete". Sie repräsentiert die Zukunft, das noch Ausstehende. Skuld ist auch unter den Walküren genannt - sie bestimmt nicht nur das Schicksal, sondern vollstreckt es auch auf dem Schlachtfeld.
Der Urdbrunnen
Der Urdbrunnen liegt unter jener Wurzel Yggdrasils, die sich nach Asgard erstreckt. Hier halten die Götter ihre tägliche Ratsversammlung. Das Völuspá beschreibt den Ort:
"Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
den hohen Baum netzt weißer Nebel;
davon kommt der Tau, der in die Täler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen."
Täglich schöpfen die Nornen Wasser aus dem Brunnen und begießen damit den Weltenbaum. Sie bestreichen seine Rinde mit weißem Lehm aus dem Brunnen, um seine Wunden zu heilen, denn der Baum leidet unter dem Nagen des Drachen Niddhöggr und dem Fraß der Hirsche in seinen Zweigen.
Das Weben des Schicksals
Die Nornen "ritzen Runen" und "legen Lose" - sie bestimmen das Schicksal nicht nur, sondern schreiben es fest. Die Vorstellung vom gewebten Schicksalsfaden durchzieht die gesamte nordische Literatur.
Die Macht der Nornen
Die Nornen stehen außerhalb der gewöhnlichen Machthierarchie. Selbst Odin, der Allvater, kann das von ihnen Bestimmte nicht ändern - er kann nur versuchen, es zu verzögern oder sich darauf vorzubereiten. Er weiß um Ragnarök, er sammelt die Einherier für den letzten Kampf, aber abwenden kann er sein Schicksal nicht.
Diese Unausweichlichkeit prägt die nordische Weltanschauung: Das Schicksal annehmen, ihm mit Würde begegnen, das Beste aus dem machen, was einem zugeteilt ist - das ist die höchste Tugend.
Die vielen Nornen
Neben den drei Hauptnornen gibt es viele weitere Schicksalsfrauen. Die Quellen berichten, dass Nornen verschiedener Herkunft existieren - solche von den Asen, von den Elfen und von den Zwergen. Sie erscheinen bei jeder Geburt und bestimmen das Los des Neugeborenen.
"Gar ungleich, mein' ich,
die Nornen entstammen,
nicht eines Geschlechts sind sie:
einige sind von Asen,
einige sind von Alfen,
einige Dvalins Töchter."
- Fáfnismál
Diese Nornen können günstig oder ungünstig gesinnt sein. Manche Schicksale sind schwer, weil "böse Nornen" bei der Geburt anwesend waren. So erklärt die Mythologie das Unglück im Leben mancher Menschen.
Nornen und Walküren
Die Grenze zwischen Nornen und Walküren ist fließend. Skuld erscheint in beiden Gruppen. Während die Nornen das Schicksal weben, vollstrecken die Walküren einen Teil davon - sie wählen die Krieger, die im Kampf fallen sollen, und führen sie nach Walhalla.
Im Darraðarljóð weben Walküren ein blutiges Gewebe aus Eingeweiden mit Schwertern als Webschiffchen - eine drastische Darstellung der Schicksalsweberei im Kontext des Krieges.
Nornen in der Literatur
Die Völuspá
Die Völuspá, das Seherlied der Älteren Edda, erwähnt die Nornen als jene, die das goldene Zeitalter der Götter beendeten:
"Dann kamen drei Mächtige,
voll Liebe und Kraft,
aus den Riesen dort,
drei Nornen kamen."
Ihr Erscheinen markiert den Beginn der Zeit, des Wandels und damit auch der Sterblichkeit.
Das Helgakviða
In der Helgakviða Hundingsbana I erscheinen Nornen bei der Geburt des Helden Helgi und spinnen sein Schicksal - goldene Fäden, die sie unter dem Mond befestigen und bis an die Enden der Welt spannen.
Deutung und Bedeutung
Die Nornen verkörpern das nordische Verständnis von Zeit und Schicksal:
- Verbundenheit - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind untrennbar verwoben.
- Unausweichlichkeit - Das Schicksal ist bestimmt; der Charakter zeigt sich im Umgang damit.
- Über den Göttern - Selbst die Mächtigsten unterliegen dem Schicksal.
- Weibliche Macht - Die fundamentalste Macht liegt bei weiblichen Wesen.
Die Vorstellung der Schicksalsfrauen überlebte die Christianisierung in Volksmärchen und Sagen von guten und bösen Feen bei der Taufe - ein Echo der Nornen, die bei jeder Geburt erscheinen.