Odin der Allvater auf seinem Thron mit Raben und Wölfen

Odin - Der Allvater

Odin (altnordisch: Óðinn) ist der höchste Gott der nordischen Mythologie und Anführer der Asen. Als Allvater herrscht er über Asgard und gilt als Gott der Weisheit, des Krieges, der Dichtkunst und der Magie. Sein Name bedeutet "der Rasende" oder "der Inspirierte" - eine Anspielung auf den ekstatischen Zustand, der mit göttlicher Eingebung verbunden ist.

In der germanischen Überlieferung erscheint Odin unter vielen Namen: Wotan bei den Südgermanen, Woden bei den Angelsachsen. Diese Namensvielfalt spiegelt seine vielschichtige Natur wider. Er ist zugleich Kriegsherr und Wanderer, Seher und Dichter, Herrscher und Opfernder.

Odins Attribute und Erscheinung

Die Quellen beschreiben Odin als älteren Mann mit langem Bart, der häufig einen breitkrempigen Hut und einen blauen oder grauen Mantel trägt. Diese Erscheinung des wandernden Weisen prägte das spätere Bild des Magiers in der westlichen Literatur.

Odins Begleiter

Odin umgibt sich mit Wesen, die seine verschiedenen Aspekte verkörpern:

  • Hugin und Munin (Gedanke und Erinnerung) - Zwei Raben, die täglich über die Welt fliegen und Odin berichten, was sie sehen. Sie symbolisieren das Wissen, das Odin sammelt.
  • Geri und Freki (der Gierige) - Zwei Wölfe, die zu Odins Füßen liegen. Er gibt ihnen sein Essen, da er selbst nur Met trinkt.
  • Sleipnir - Das achtbeinige Pferd, das Odin zwischen den Welten trägt. Sleipnir ist der Sohn Lokis und gilt als das schnellste aller Pferde.

Odins Waffen und Schätze

  • Gungnir - Der Speer, der nie sein Ziel verfehlt. Er wurde von den Zwergen geschmiedet und ist das Symbol von Odins Autorität.
  • Draupnir - Der goldene Ring, der alle neun Nächte acht gleiche Ringe hervorbringt.
  • Hlidskjalf - Der Hochsitz, von dem aus Odin alle neun Welten überblicken kann.

Odin und die Runen

Die berühmteste Geschichte über Odin ist sein Selbstopfer zur Erlangung der Runen. Im Hávamál, den Sprüchen des Hohen, berichtet Odin:

"Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum
neun lange Nächte,
vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
ich selbst mir selbst,
an jenem Baum, von dem niemand weiß,
aus welcher Wurzel er wächst."

Neun Nächte hing Odin am Weltenbaum Yggdrasil, durchbohrt von seinem eigenen Speer, ohne Speise und Trank. In diesem Zustand zwischen Leben und Tod erkannte er die Runen - die geheimen Zeichen, die Macht über alle Dinge verleihen.

Diese Erzählung macht Odin zum Schutzherrn der Runenkunst. Das Runenlied (Rúnatal) im Hávamál listet achtzehn Zauberlieder auf, die Odin durch die Runen erlangte - von Heilung über Schutz bis zur Totenbeschwörung.

Odin als Kriegsgott

Anders als Thor, der für den ehrlichen Kampf steht, ist Odin ein Gott des strategischen Krieges. Er verteilt Sieg und Niederlage nach seinem Willen, nicht nach Verdienst. Die Krieger, die er bevorzugt, fallen häufig jung - denn Odin sammelt die Tapfersten für sein Heer in Walhalla.

Die Walküren und die Einherier

Die Walküren - Odins Schlachtenjungfrauen - wählen die würdigsten unter den Gefallenen aus. Diese Einherier (Einzelkämpfer) werden nach Walhalla gebracht, wo sie sich auf Ragnarök vorbereiten. Täglich üben sie den Kampf gegeneinander, um abends zu gesunden und zu feiern.

Odin benötigt diese Krieger für die letzte Schlacht. Bei Ragnarök wird er gegen den Wolf Fenrir kämpfen - und fallen. Doch selbst in Kenntnis seines Schicksals sammelt er weiter Krieger und Wissen.

Odin als Gott der Weisheit

Odins unersättlicher Wissensdurst ist ein zentrales Thema der Mythologie. Für Wissen war er bereit, jeden Preis zu zahlen:

Das Opfer am Mimisbrunn

Am Brunnen des weisen Riesen Mimir opferte Odin eines seiner Augen, um aus dem Quell der Weisheit trinken zu dürfen. Seither wird Odin als einäugig dargestellt - das fehlende Auge der Preis für sein tiefes Wissen über Vergangenheit und Zukunft.

Die List beim Dichtermet

Der Dichtermet (Odrörir) verleiht die Gabe der Dichtkunst. Odin erlangte ihn durch List - er verwandelte sich in eine Schlange, gewann die Gunst einer Riesin und stahl den Met. Zurück in Asgard spie er ihn in Gefäße, doch einige Tropfen fielen auf Midgard und machten gewöhnliche Sterbliche zu Dichtern.

Odins viele Namen

Die eddischen Quellen nennen über 150 Namen für Odin - sogenannte Heiti und Kenningar. Diese Namen beschreiben seine verschiedenen Aspekte:

  • Allvater (Alfaðir) - Vater aller Götter und Menschen
  • Graubart (Hárbarðr) - Der wandernde Alte
  • Hangatýr - Gott der Gehängten (Bezug zum Baumopfer)
  • Valfaðir - Vater der Erschlagenen
  • Sigfaðir - Siegvater
  • Gautr - Der Göte (Stammvater der Goten)
  • Bölverkr - Der Unheilstifter

Odin in der Geschichte

Der Odinskult war besonders in Dänemark, Schweden und Norwegen verbreitet. Während Thor als Gott des Volkes galt, war Odin der Gott der Könige, Krieger und Dichter. Zahlreiche skandinavische Königshäuser führten ihre Abstammung auf Odin zurück.

Der Wochentag Mittwoch (englisch: Wednesday, skandinavisch: Onsdag) ist nach Odin benannt - parallel zum lateinischen dies Mercurii, was auf eine Identifikation Odins mit dem römischen Merkur hindeutet.

Odins Familie

Odin ist mit Frigg, der Göttin der Ehe und Mutterschaft, verheiratet. Aus verschiedenen Verbindungen stammen mehrere Söhne:

  • Thor - Sohn der Jörd (Erde), Gott des Donners
  • Baldur - Sohn der Frigg, Gott des Lichts
  • Hödr - Baldurs blinder Bruder
  • Váli - Geboren, um Baldurs Tod zu rächen
  • Vidar - Rächer Odins bei Ragnarök

Odins Ende bei Ragnarök

Bei Ragnarök, der Götterdämmerung, wird Odin seinen vorbestimmten Tod finden. Der Wolf Fenrir, den die Götter einst gebunden hatten, wird seine Fesseln sprengen und Odin verschlingen.

Doch Odins Sohn Vidar wird den Wolf töten, indem er seinen Fuß in Fenrirs Rachen setzt und ihm die Kiefer auseinanderreißt. So wird der Tod des Allvaters gerächt - auch wenn die alte Welt untergeht, um einer neuen Platz zu machen.