Die Edda - Quellen der nordischen Mythologie
Als Edda werden zwei isländische Textsammlungen bezeichnet, die zu den wichtigsten Quellen für die nordische Mythologie zählen. In ihnen sind Göttersagen, Heldenlieder und Weisheitssprüche überliefert, die das Bild der germanischen Götterwelt bis heute prägen.
Die zwei Eddas
Lieder-Edda (Ältere Edda)
Die Lieder-Edda ist eine Sammlung von etwa 30 mythologischen und heroischen Liedern. Sie wurde um 1270 in Island aufgezeichnet, doch die Gedichte selbst sind wesentlich älter - manche reichen vermutlich bis ins 9. Jahrhundert zurück.
Die Lieder sind in altnordischer Stabreimdichtung verfasst und wurden mündlich überliefert, bevor sie niedergeschrieben wurden. Die wichtigste Handschrift ist der Codex Regius, der um 1270 entstand.
Prosa-Edda (Jüngere Edda)
Die Prosa-Edda wurde um 1220 von dem isländischen Gelehrten Snorri Sturluson verfasst. Sie ist ein Handbuch für Skalden (Dichter) und erklärt die mythologischen Hintergründe, die für das Verständnis der alten Dichtkunst nötig waren.
Snorris Werk gliedert sich in:
- Gylfaginning: Die Vision des Gylfi - eine Erzählung der Mythologie
- Skáldskaparmál: Die Sprache der Dichtkunst - poetische Umschreibungen
- Háttatal: Verzeichnis der Versmaße
Wichtige Texte der Lieder-Edda
Völuspá
Die Weissagung der Seherin - von der Schöpfung bis Ragnarök
Hávamál
Die Sprüche des Hohen - Odins Weisheiten
Runenlied
Odins Selbstopfer und die Erlangung der Runen
Weitere Götterlieder
| Lied | Inhalt |
|---|---|
| Vafþrúðnismál | Wissenswettstreit zwischen Odin und dem Riesen Vafthrudnir |
| Grímnismál | Odin offenbart unter Qualen sein Wissen |
| Skírnismál | Freyrs Werbung um die Riesin Gerd |
| Lokasenna | Lokis Schmähungen gegen die Götter |
| Þrymskviða | Thor holt seinen gestohlenen Hammer zurück |
| Baldrs draumar | Die Träume Baldurs und sein kommendes Schicksal |
Entstehung und Überlieferung
Die Edda-Texte entstanden in einer besonderen historischen Situation: Island wurde um 870 von Norwegen aus besiedelt und nahm im Jahr 1000 offiziell das Christentum an. Die alten Lieder wurden aber weiter überliefert und schließlich im 13. Jahrhundert aufgezeichnet - vermutlich von christlichen Gelehrten, die das kulturelle Erbe bewahren wollten.
Authentizität
Die Frage, wie "authentisch" die Edda-Texte das heidnische Weltbild wiedergeben, wird diskutiert. Sicher ist, dass sie durch christliche Einflüsse gefärbt sein können. Dennoch bieten sie den besten Zugang zur vorchristlichen Mythologie Skandinaviens.
Bedeutung des Wortes "Edda"
Die Herkunft des Wortes "Edda" ist umstritten. Mögliche Deutungen:
- Von "óðr": Dichtung, Inspiration
- Von "Oddi": Der Ort, an dem Snorri aufwuchs
- Von "edda": Urgroßmutter (im Sinne von "alte Weisheit")
Die Edda und die Runen
Für das Verständnis der Runen sind besonders relevant:
- Rúnatal: Beschreibt Odins Erlangung der Runen
- Ljóðatal: Die 18 Zauberlieder, die Odin durch die Runen lernte
- Sigrdrífumál: Die Walküre Sigrdrífa lehrt Sigurd Runenwissen
Diese Texte bilden die mythologische Grundlage für die Runenpraxis und die Runendeutung.
Moderne Rezeption
Die Edda beeinflusst bis heute Literatur, Musik und Popkultur:
- Richard Wagners "Ring des Nibelungen" basiert auf Edda-Stoffen
- J.R.R. Tolkiens Mittelerde ist von der nordischen Mythologie inspiriert
- Moderne Filme und Serien (z.B. "Vikings") greifen Edda-Motive auf
- Die heidnische Bewegung Asatru nutzt die Edda als religiöse Quelle